THEMA: PSYCHOLOGIE

Wenn kranke Handlungen zu kranken Seelen führen

Bereits einen Monat ist es her, als ich Jane die wundervollste Frage stellte, und ich werde ihre Worte niemals vergessen: „Oh mein Schatz! Um alles auf der Welt könnte ich mir nichts lieber vorstellen, als deine Frau zu werden! Ja, ich will!“ Sie fiel mir um den Hals, so fest, dass ich einen Moment zu ersticken glaubte. Aber ich genoss es, wie sehr sie sich freute und mich begehrte. Wir engagierten einen Wedding-Planer, der alles organisierte. Es war schön, denn so konnten wir uns etwas zurücklehnen und die stressige Zeit genießen. Als ich sie das erste Mal in ihrem umwerfenden Kleid sah, auch wenn es gegen den Brauch war, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Ich schloss sie und öffnet sie ganz langsam wieder, nur um sicher zu gehen, dass es kein Traum war. In einem mit Herzausschnitt silberfarbenen Satin-Kleid, bestickt mit Perlen und einer Schleppe dazu, tanzte sie im Schlafzimmer vor unserem großen Spiegel und sprach zu sich: „Michael, du wirst ausflippen, wenn du mich siehst! Das Kleid ist einfach nur ein Traum. Nein, du wirst umfallen! Das wird der wundervollste Tag in meinem Leben!“ Sie sah wahrhaft bezaubernd darin aus, so dass es mir sehr schwer fiel, sie unbemerkt zwischen dem großen Seidenvorhang am Fenster und der nebenstehenden Eckschrankwand zu bewundern. Alles schien nahezu perfekt, bis Jane ganz plötzlich einen Tag vor der Trauung spurlos verschwand…

Gemeinsam mit Janes Onkel Jeff lebten wir in einer kleinen, idyllischen Siedlung am Rande eines Waldes in dem Mehrfamilienhaus, welches einst ihrem Großvater gehörte. Jeff ist Gärtner auf einem Friedhof und pflegte jede Woche liebevoll das Grundstück. Er fährt einen großen Van, da er oftmals die großen schweren Erde-Säcke der Firma privat transportiert. Seit etwa drei Jahren besitzen wir einen schwarz-beigen Mischlingsrüden namens Jack, mit dem ich viel Zeit im Wald und auf dem Feld verbringe.

Am Tag vor der Hochzeit kümmerten sich Jeff und Jane um das Gewächshaus im Garten, weil ein paar Marder in der Nacht zuvor eingebrochen waren. Da beide schon immer eine sehr enge Beziehung zueinander pflegten, so wurde auch der Garten zum gemeinsamen Hobby.

Ich verließ das Haus und rief nach ihr: „Liebling, ich fahre mit Jack noch ‘mal raus auf ‘s Feld.“ Jane eilte zu mir. „Aber denke daran, wir müssen noch einmal in den Supermarkt! Bleibe bitte nicht so lange weg!“ Sie drückte mir einen kurzen, aber liebevollen Kuss auf die Wange und sprang blitzartig an mir hoch. „Schatz ich bin so aufgeregt! Morgen sind wir endlich verheiratet. Ich liebe dich so!“, sprach sie mit aufgeregter Stimme zu mir. Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd, hielt sie überglücklich in meinen Armen und drehte mich einige Male mit ihr im Kreis. Bevor ich mit Jack in den Wagen stieg, sagte ich noch kurz zu ihr: „Liebling, morgen wird ein unvergesslicher Tag! Du wirst die schönste Braut sein!“ Dabei wusste sie jedoch nichts davon, dass ich sie schon in ihrem bezaubernden Kleid betrachten durfte. Dann küsste ich sie zärtlich und fuhr los.

Nicht einmal fünfundvierzig Minuten später waren Jack und ich zurück. Als ich nach Jane rief und keine Antwort erhielt, wunderte ich mich ein wenig, denn im Garten war sie nicht zu sehen und dabei konnten sie mit dem Bau des Gewächshauses noch gar nicht fertig sein. Doch auch Jeffs Van stand nicht dort. Ich suchte das Haus inklusive Keller und Dachboden ab, doch von Jane und Jeff keine Spur. Mehrfach wählte ich ihre Handy-Nummer, doch immer nur sprang die Mailbox an. Auch Jeffs Handy war aus, oder hatte er keinen Empfang? Alles erschien mir immer seltsamer und ich war zunehmend besorgt um meine Verlobte. Doch wo sollte ich anfangen zu suchen, ohne irgendeinen Anhaltspunkt? Ohne zu zögern, rief ich ihren Vater an, der mir eine beängstigende Geschichte erzählte…

Während ich nahezu panisch im Kreis lief und mich immer mehr in die absurdesten Gedanken verstrickte, erreichte Peter endlich unser Grundstück. Gehetzt sprang er aus seinem Auto und rief mit aufgeregter Stimme zu mir, „Michael, wie lange ist es her? Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“ Ich drehte mich zu ihm und sah, wie er plötzlich, in der Hektik, über seine eigenen Füße stolperte. Noch bevor ich losrennen konnte, um ihn zu stützen, lag er im nassen Gras. „Arg! Verdammt! Wir dürfen keine Zeit verlieren!“, setzte er mit Gejammer fort und richtete sich auf. Meine Beine wurden schwer und ich fühlte ein seltsames Stechen in meiner linken Brustseite. „Was ist los, Peter? Wo ist Jane? Was weißt du von ihrem Verschwinden?“, fragte ich ihn aufgelöst und mit zitternden Händen. „Warte, bevor wir uns auf den Weg machen, muss ich dir noch etwas erzählen.“, fügte er hinzu und wischte mit seiner Hand die Schweißperlen von seiner Stirn. Nicht, dass es gerade sehr warm war, aber daran erkannte ich, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Mein Blick erstarrte. Ein kalter Schauer fuhr mir blitzartig über den Rücken und bis zu den Füßen hinunter. Mein Gesicht erbleichte, zumindest fühlte es sich stark danach an, und meine Knie wurden immer weicher. Ich fiel förmlich ganz von selbst zurück auf unsere Gartenbank. Peter lief hektisch vor mir herum. „Michael, was ich dir jetzt erzähle, fällt mir nicht leicht und es ist ziemlich abgedroschen, aber es ist die Wahrheit. Ich versuche es dir zu erklären, jedoch halte ich mich kurz, denn wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Zunehmend sorgte ich mich um Jane. „Worauf wartest du? Jetzt sag schon!“, fiel ich ihm ungeduldig ins Wort. „Ist ja gut. Also wie du weißt, ist Jeff ein lieber Kerl, doch niemand kennt ihn so gut wie sein eigener Bruder.“ Peter reagierte mehr und mehr emotional. Dies erkannte ich an seiner Stimmlage. Ich nahm seinen Arm und zog ihn zu mir auf die Bank. „Als Jeff zwei Jahre alt war, misshandelte unser Vater ihn über zwei Jahre lang. Ich beobachtete heimlich, wie er im Waschkeller regelmäßig an seinem zarten, kleinen, wehrlosen Körper spielte. Es war grausam! Aber ich hatte so große Angst vor ihm, dass ich unserer Mutter nie etwas sagte, bis sie ihn eines Tages selbst im Keller beim Wäscheaufhängen dabei erwischte. Keine Stunde ließ sie verstreichen und packte sofort alle Koffer. In einer anderen Stadt, weit von unserem Haus entfernt, wuchsen wir ohne unseren Vater auf. Bis heute haben wir nichts mehr von ihm gehört, was ich nicht bedauere. Nur Jeff trauerte ihm viel nach. Ich verstand es nie. Mit den Jahren entwickelte er, was seine Gefühle und Einstellungen anbelangte, wechselnde Vorstellungen von sich selbst. Er verhielt sich zunehmend verändert und tat Dinge, von denen er hinterher nichts wusste. Es wurde zunehmend immer unheimlicher. Irgendwie war er in diesen Momenten nicht er selbst. Doch keiner bemerkte jemals etwas, außer mir.“ Ich sackte fassungslos in mich zusammen. „Was willst du mir jetzt damit sagen, Peter? Ist er eine andere Person in seinem Handeln geworden? Und was hat das jetzt mit Jane auf sich?“, fragte ich ihn total aufgelöst. „Ja, irgendwie sieht es danach aus. Ich glaube nicht, dass er bewusst spürt, was er tut. Es muss jemand anderes in ihm sein, denn Jeff würde Jane niemals etwas tun. Er ist ihr geliebter Onkel. Ich weiß, dass er eine kleine Hütte im Wald besitzt. Einmal, beim Radfahren, sah ich, wie er dort Holz hackte. Los, schnell, wir müssen sofort dort hin! Ich habe irgendwie ein beunruhigendes Gefühl in der Magengegend.“ Erschüttert und voller Angst um meine geliebte Frau in spe, sprang ich entsetzt von der Bank, als hätte mir gerade jemand eine Mistgabel in den Hintern gerammt. „Was ist, wenn er sie verletzt? Was, wenn er sie umbringt? Oder dies gar schon getan hat?“ Meine Gedanken wurden immer abstrakter. Rasch stieg ich mit zu Peter ins Auto und wir fuhren tief in den Wald.

Als wir uns der Hütte näherten, sah ich Jeffs Van dort stehen. Bei dem Gedanken, dass er mit meiner Verlobten in dieser Hütte hockt, sie festhält oder sie womöglich misshandelt, wurde mir immer übler. Ich rieb meine feuchten Hände immer wieder an meiner Stoffhose, so dass sich bereits großflächig Flecken gebildet hatten. Peter stieg leise aus dem Wagen und sagte zu mir, „Warte kurz hier! Ich schau‘ erst ‘mal alleine.“ Nur schwer konnte ich zusehen, wie mein Schwiegervater ohne mich loszog. Immer wieder lief er um die Hütte herum, horchte und gab mir ahnungslos Zeichen. Dann packte mich der Übermut. Ich stieg ebenfalls leise aus dem Wagen, ließ die Autotür angelehnt und schlich mich zu ihm. Die Fenster waren von innen mit Holzbrettern vernagelt, so dass man nirgends hineinschauen konnte. Alleine das bereitete mir immensen Kummer. Plötzlich hörten wir Schreie aus der Hütte: „Hilfe! Hört mich denn keiner? Bitte helft mir!“ Peter sah mich erschrocken an. Mir kribbelten die Finger. Voller Wut nahm ich einen größeren, herumliegenden Ast und rannte so schnell ich konnte damit auf die Tür zu, doch ohne Erfolg. Erneut hörten wir Schreie: „Verschwindet! Ihr kommt hier nicht rein! Das ist mein Reich! Haha!“ „Wir müssen versuchen, irgendwie anders reinzukommen!“, sprach ich zu Peter. Er schaute sich noch einmal um, kam wieder zurück und sagte zu mir: „Ich habe da schon eine Idee. Folge mir!“ Peter führte mich zur Hinterseite der Hütte, wo sich, in einer Vertiefung, eine kleine Luke befand. Wir öffneten sie und kletterten hinein. Ein schmaler, stark modrig riechender, dunkler Gang führte uns in die Hütte, in der wir, durch eine Falltür, nach oben gelangten. Während sich Jeff gerade in einem kleinen, offenen Nebenraum aufhielt, schlichen wir uns ganz leise zu Jane, die gefesselt auf einem wackeligen Holzstuhl saß. „Ey! Bleibt sofort stehen, oder ich schieße!“, schrie Jeff und stand, mit einer Flinte in den Händen, plötzlich hinter uns. „Jeff! Was machst du da? Das bist doch nicht du! Nimm bitte die Waffe ‘runter und es wird auch niemand etwas von der Sache erfahren! Hörst du? Ich habe doch immer zu dir gehalten!“, sprach Peter mit Gefühl auf seinen Bruder ein. „Stopp, keiner bewegt sich, sonst ist Jane tot! Sie gehört mir, ganz allein‘ mir!“ Jeff ging, mit einem fiesen Grinsen im Gesicht, auf Jane zu. Dabei wisch er mit seiner Zunge über seine Oberlippe. Als er knapp vor mir stand, sprang ich mit voller Kraft los und warf ihn zu Boden. Plötzlich fiel ein Schuss und ich verspürte einen wahnsinnig stechenden Schmerz in meinem Oberarm. Peter rannte los und stürzte sich ebenfalls auf Jeff, der noch unter meinem Körper am Boden lag. Langsam raffte ich mich auf. „Alles wird gut, mein Liebling! Wir holen dich jetzt hier raus!“, sprach ich, mit zitternder Stimme, zu Jane und löste die Fessel. Jane umarmte mich zutiefst. Ich hörte ihr kleines Herz pochen. „Ich liebe dich, Michael! Ich hatte solche Angst! Das hätte ich Jeff niemals zugetraut, er war doch immer so liebevoll und fürsorglich.“ „Ich erzähle dir alles in Ruhe, wenn wir wieder zuhause sind. Morgen heiraten wir und Jeff wird nicht mehr in unserem Haus leben.“, sagte ich zu ihr und drückte sie ganz fest an meine Brust.

Nachdem die Ärzte in der Notaufnahme meine Wunde versorgt hatten, kümmerte sich Jane rührend um mich, während ich ihr von Jeffs Kindheit erzählte. Jane reagierte ebenso bestürzt, wie ich es tat, denn auch sie kannte ihn immer nur als liebevollen Freund und Onkel. Niemals deutete er auch nur irgendetwas in diese Richtung hin an. Es war tatsächlich ein riesiger Schock für uns alle.

Trotzdem erlebten wir am darauffolgenden Tag eine wundervolle Hochzeitsfeier. Dank des tollen Wedding-Planers verlief alles nahezu perfekt. Es war für uns beide der schönste Tag unserer fünfjährigen Beziehung, auch wenn der Vortag Janes Leben drastisch veränderte.

Drei Jahre später…

Jeff ist bis heute in einer Psychiatrie für Dissoziativkranke untergebracht. Dort erhält er regelmäßig Medikamente und professionelle Betreuung. Einmal im Monat besuchen wir ihn. Es geht ihm mittlerweile recht gut und aufgrund der ständigen Überwachung kann er niemandem mehr gefährlich werden.

ENDE

© Drama Scripting

Ein Kommentar

  1. Liebe Doreen,
    herzlichen Glückwunsch zu Deiner äußerst interessanten Kurzgeschichte.
    Sie ist super geschrieben, fesselt spannend beim Lesen und man will einfach nur wissen, wie sie weitergeht
    Du hast einen sehr eigenen Schreibstil, der sich gut lesen läßt.
    Bin gespannt auf mehr, ein Buch von Dir würde ich kaufen, vielleicht hätte ich dann wieder Lust am Lesen.

    Mach weiter so, ich drück Dir fest die Daumen.
    Liebe Grüße Kirsten

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