THEMA: SOMMERNACHTSTRAUM

Der Traum vom „Ersten Mal“

Angespannt saĂź ich auf einer alten, porösen Holzbank und betrachtete die diamantenfunkelnde Wasseroberfläche des Sees. Die Sonne prasselte mir mitten ins Gesicht. Aufgeregt starrte ich auf meine blau-gummierte Smartwatch: erst 17.00 Uhr, dachte ich mir, und dabei zählte ich den ganzen Tag schon die Stunden rĂĽckwärts. Denn in jener Nacht sollte mein groĂźer Sommernachtstraum in ErfĂĽllung gehen – ihr Name: Larissa Pietsch. Ich stellte mir einen kurzen Moment vor, wie sie mit ihren zarten Händen sanft ĂĽber meine Brust streichelt und dabei liebevoll meinen Hals kĂĽsst. Ich hielt den Gedanken fest, lehnte meinen nachdenklichen Kopf fĂĽr einen Augenblick zurĂĽck und lieĂź mich von den wenigen, noch sehr heiĂźen, Sonnenstrahlen berieseln. Seit Tagen schwebte ich auf Wolke 7 und fieberte auf diesen einen Moment hin, indem ich endlich meine Jungfräulichkeit diesem wunderschönen, liebevollen und total einfĂĽhlsamen Mädchen schenken konnte. Welcher Junge träumt nicht davon. Und so schwelgte ich in meiner Fantasie.

Zwei Stunden später…

„Los Tom, beeil dich!“, rief meine Mutter bereits das vierte Mal aus der KĂĽche und brachte mich mit ihrem Geschrei noch in den Wahnsinn. „Mam, du nervst!“ Während ich meine Haare ĂĽber dem Waschbecken stylte, schlug plötzlich die TĂĽr voller Wucht hinter mir an den Badschrank. Wer stand in der TĂĽr? – meine penetrante Mutter. „Die Party ist schon fast vorbei, da stehst du …“ Ich erschreckte so sehr, dass mir glatt die Tube mit dem Haarwachs aus der Hand flutschte. Noch bevor meine Mutter ihren Satz beenden konnte, verteilte sich ein Teil des Tubeninhalts quer ĂĽber ihrem Gesicht. „Ähhh!“ schrie sie wie von einer Biene gestochen los. Ich wandte mich zu ihr und sah, wie sich ihr Gesichtszug von einem fröhlichen Lächeln zu einem bösartigen „ich fress dich gleich auf Blick“ veränderte. „Musst du mich immer wie ein kleines Kind behandeln! Das hast du davon, wenn du wie wild hier rein platzt!“ sprach ich gereizt zu ihr und konnte mir im nächsten Moment das Lachen nicht verkneifen. Um einer Ohrfeige zu entkommen, stĂĽrmte ich aus dem Bad und verlieĂź samt meiner Ausstattung das Haus.

Bei meinem Kumpel Alex setzte ich das Styling fort und spürte innerlich stetig die pulsierende Aufregung vor dem „Ersten Mal“. Wie wird es sich wohl anfühlen? Wie fange ich überhaupt an? Was mache ich, wenn ihr meine Zärtlichkeiten nicht gefallen? Brauch ich ein Kondom? Wie wird sie reagieren, wenn ich ihr sage, dass ich noch keinen Sex hatte? Was ist, wenn sie dann plötzlich abhaut? All diese Fragen plagten mich seit Tagen, sodass ich die letzten zwei Nächte kaum ein Auge zubekam. Je später es wurde, desto mehr Angst stieg in mir auf. Welcher Typ ist schon noch mit 21 Jungfrau? Wir leben im 21. Jahrhundert, nicht mehr im 19. Wahrscheinlich lacht sie mich aus, wenn sie hört, dass ich noch keinerlei Erfahrung habe. Total verunsichert machte ich mich mit Alex auf den Weg zur Party.

Bereits wenige hundert Meter entfernt hörten wir, wie die Lagerhalle bebte. Laute House-Musik, viele kreischende Leute, bunte Scheinwerfer, merkwürde Figuren aus Pappen, die auf der bestrahlten Wiese standen und natürlich ganz viel Alkohol. Wie ich es liebte, denn ich war Antialkoholiker und passte so gar nicht in die Runde. Meinen Freunden war das zum Glück egal, denn sie mochten mich auch so. Und da war sie – meine bezaubernde Prinzessin. In ihrem sexy, rosa Mini-Rock fiel Larissa mir am Eingang in die Arme. Zärtlich küsste ich ihre warme und Stirn und atmete ihren unverwechselbaren süßen Duft ganz tief ein. „Hey Liebes! Du siehst umwerfend aus.“ Sie lächelte. „Ich habe schon sehnsüchtig auf dich gewartet mein Bärchen.“ flüsterte sie mir charmant ins Ohr. Eng umschlungen liefen wir nach draußen. Alex verschwand schnell in der Menschenmasse.

Auf einer weichen Decke im Gras hinter der Lagerhalle lieĂź sie sich auf mich fallen. „Oh Tom… Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich auf diesen Abend gefreut habe. Du bist der tollste Typ, den ich jemals kennengelernt habe.“ Ăśberschwänglich kĂĽsste sie meinen Hals. Mein Herz ĂĽberschlug sich halb vor Aufregung. Noch nie war ich so verliebt in eine Frau. Und das tollste an der ganzen Sache – sie begehrte mich unglaublich sehr. Der Gedanke löste ein unbeschreiblich schönes GefĂĽhl in mir aus. Doch dann stand ja noch die Sache mit dem „Ersten Mal“ im Raum. „Warte Liebes!“ stieĂź ich sie dezent von mir. Sie sah mich mit ihren groĂźen Kulleraugen irritiert an. „Was hast du Tom? Gefällt es dir nicht? Wir können auch wo anders hin gehen.“ Sie streichelte liebevoll mit ihrer Hand durch mein Haar. In diesem Moment fĂĽhlte es sich so an, als wĂĽrde mir auf der Stelle mein stark pochendes Herz in die Hose rutschen. Mir fielen keine Worte dazu ein und ich wollte sie auf keinen Fall verletzen. Zudem ĂĽberfiel mich die wahnsinnig groĂźe Angst vor ihrer Reaktion. Larissa brachte einfach so viel Geduld mit mir auf, dabei waren wir schon fĂĽnf Wochen ein Paar. Völlig ĂĽberfordert sah ich ihr tief in die Augen. Einen Moment vergaĂź ich alles um mich herum und konzentrierte mich nur auf diesen einen Augenblick. Plötzlich stand ihr beste Freundin neben uns und zerstörte alles. „Ich geh jetzt mal Tanzen mit Lisa. Bis später mein Bärchen.“ Sie drĂĽckte mir einen Kuss auf die Wange und verschwand in der Dunkelheit. Planlos und traurig sah ich ihr nach.

Frustriert schlenderte ich mühselig zurück in die Lagerhalle und setzte mich zu Alex auf die Couch. Noch immer sprachlos und ziemlich enttäuscht beobachtete ich Larissa beim Tanzen. Mit jeder Minute schwand meine Hoffnung, dass an diesem Abend noch ein Wunder geschehen würde. Voller Bewunderung sah ich Larissa zu, wie sie ihre unbeschreiblich schöne Taille zum Klang der Musik auf und ab bewegte. „Tom? Hey? Alter, was geht bei dir?“ Alex rüttelte wild an mir herum, doch ich war ganz wo anders. Mein Kopf ratterte. Was kann ich nur tun? Wie bringe ich ihr bei, dass ich Angst davor habe, sie zu enttäuschen? Eben weil es doch mein erstes Mal ist. Schluss jetzt! Ich brauche eine Lösung. Ich bin der Typ, auf den sie so steht. Nein, ich bin kein Waschlappen! Aufgeregt riss ich Alex die Flasche Bier aus der Hand und nahm einen kräftigen Schluck. Er sah mich total verwirrt an. „Tom? Geht’s dir gut? Du trinkst doch gar nichts!“ „Halt die Klappe, mein Freund. Ich brauch das jetzt.“

Angespannt und mit wackeligen Beinen ging ich auf Larissa zu. Als ich mich ihr immer mehr näherte, lief sie plötzlich davon. Überrascht blieb ich stehen und dachte einen Moment, ich träume. Hektisch sprang ich im Kreis, um zwischen den vielen tanzenden Leuten zu sehen, wo meine Freundin abgeblieben war. Plötzlich war Stille in der Halle. Die Mädchen und Jungen blickten verwirrt um sich, was geschehen ist. Doch nur einen kurzen Moment später ertönte Musik. Ein ganz besonderes Lied erklang, unser Lied: „Musik sein“ von Wincent Weiss. Larissa kam ganz langsam auf mich zu, sie lächelte. Mein Herz erstrahlte. Liebevoll legte ich meinen linken Arm um ihre Hüfte und hielt mit meiner rechten Hand ihren Kopf. Sanft zog ich sie ganz eng an mich heran und tanzte mit ihr. Zärtlich küsste ich Larissas Stirn und drehte mich langsam mit ihr im Kreis. Alles um mich herum verschwand. Mit einem tiefen Blick in ihre Augen flüsterte ich ihr zu: „Mein bezaubernder Engel… Du bist wundervoll. Ich liebe dich.“ Sie strahlte mich mit ihrem einzigartigen Lächeln an. Innig küsste ich ihre roséfarbenen Lippen und hielt sie ganz fest in meinen Armen. Glücklich nahm ich Larissas Hand und verließ mit ihr die Lagerhalle.

Was dann geschah, könnt Ihr Euch ja denken. In dieser Nacht erfüllte sich mein großer Sommernachtstraum. Manchmal muss man im Leben einfach den ersten Schritt wagen, auch wenn die Angst davor noch so groß ist.

ENDE

© Drama Scripting

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