THEMA: ZUGEHÖRIGKEIT

Jenseits der Eisenbahnschiene

Ein großes Lagerfeuer am Sandstrand, umgeben von kreischenden und tanzenden Schulabgängern, während der sternenklare Himmel die kühle Luft nach unten drückte und die freizügig bekleideten Mädchen sich, eingebettet in warmen Wolldecken, an die stark muskulösen Brüste der Jungen schmiegten – das waren die exzentrischen Illusionen meiner täglichen Träume, denn davon war ich meilenweit entfernt. Wie jedes Jahr feierten die Zwölftklässler ihren spektakulären Abschlussball, welcher mir im kommenden Jahr ebenso bevorstand.

Doch dieser Klassenjahrgang unterschied sich von all den anderen, denn Mary Lee Parker, die bezaubernde Frau meiner Träume, verließ nun unsere Schule, was gleichzeitig bedeutete, dass ich sie mir endgültig aus dem Kopf schlagen musste. Mary war das hübscheste und intelligenteste Mädchen, das ich jemals kennenlernen durfte. Na ja, kennen ist vielleicht etwas übertrieben. Niemals interessierte sie sich auch nur ansatzweise für mich. Ich war immer nur der nette und liebenswerte Junge von nebenan, der ihr das Halstuch hinterhertrug, wenn es ihr wieder einmal aus dem Rucksack fiel, die schmutzigen Mülltonnen zur Seite schob, wenn sie erneut ihre Ein-fahrt blockierten, oder im Winter den Schnee auf dem gepflasterten Gehweg auf ihrem Grundstück schippte und danach ganz viel Salz streute, damit ihr nichts passieren konnte. Es war meine Pflicht, sie zu beschützen. Mary Lee war begehrter als je-des andere Mädchen unserer Hochschule. Die Jungen prügelten sich förmlich um sie, bis auf einige Ausnahmen, doch das sollte nicht mein einziges Problem sein.

Viel größere Magenschmerzen bereitete mir die Tatsache, dass mich keiner mochte. Es lag wohl daran, dass meine Eltern nicht genügend Geld verdienten, wir so gut wie keine Wertsachen besaßen und ich dadurch nicht sonderlich viele Spielsachen und Markenklamotten hatte wie andere. Zu allem Überfluss verspotteten mich die meisten Jungen deswegen. Als ich noch kleiner war, hielten sie mich immer während der Pausen auf der Toilette fest. Sie sperrten mich so lange in einem WC ein, bis die Unterrichtsstunde wieder begann. Zuvor stahlen sie mir mein gesamtes Geld, was ich in meinen Hosentaschen trug. Wenn ich keines bei mir hatte, verprügelten sie mich – , der Horror eines jeden Kindes. Doch verraten konnte ich sie auch nicht, denn meine furchtbare Angst überwog. Ich wünschte mir also nichts sehnlicher, als einer von ihnen zu sein. Jede Nacht träumte ich von der Zugehörigkeit zu einer solchen Clique.

Bereits das dritte Jahr beobachtete ich die frischgebackenen Abiturabgänger heimlich durch eines der kleinen Kippfenster unserer Sporthalle, immer mit der Angst im Kopf, dabei ertappt zu werden. Später folgte ich ihnen zur üblichen Feuerstelle, versteckte mich hinter einer größeren, von viel hohem Gras umgebenen Küstendüne und bewunderte die gutaussehenden Kerle, wie sie den hübschen und halbnackten Mädels beim Tanzen zusahen, während sie gemeinsam bei einem gemütlichen Bier pokerten. Ja, das war die ganz normale Welt. Nicht einmal ansatzweise, glaubte ich daran, unter diesen lustigen und lebensfrohen Menschen weilen zu dürfen.

All das belastete mich die vielen Jahre so sehr, dass ich mich eines Tages völlig verzweifelt auf eine Bahnschiene legte und den etwa achthundert Meter entfernten Zug sehnsüchtig erwartete. Mit starkem Pochen in der linken Brusthälfte schloss ich meine zitternden Augen und hörte, wie sich das grelle Quietschen der Räder mehr und mehr näherte. Plötzlich ertönte ein lautes Pfeifen in meinen Ohren. Als ich beängstigt meine Augen öffnete und einen grauen Schleier über mir sah, spürte ich, wie mein Herzschlag drastisch abfiel. Verkohlter Geruch stieg mir in die Nase. Ein leises, entferntes Hupen erklang, als sich meine Augenlieder wie Blei herabsenkten und sich mein erschöpfter Körper nach einem letzten Atemzug verzehrte.

Kurze Zeit später…

„Hey, du da! Los, jetzt wach schon auf Alter!“ sprach ein unbekannter Typ zu mir und rüttelte fürchterlich an mir herum. Ich benötige einen Moment, um zu realisieren, was geschehen war. „Ähm, wo bin ich?“ fragte ich ihn mit zitternder Stimme und öffnete ganz langsam meine schweren, angeschwollenen Augenlieder. Ein gutaussehender Mittzwanziger hockte über mir, dessen Augen mir größer wie eine Bowlingkugel erschienen. „Na endlich! Du Idiot! Was machst du denn hier? Wolltest du ein kleines Nickerchen machen oder wie? Dafür solltest du dich aber das nächste Mal ein paar Meter abseits der Schiene niederlassen. Wie leichtsinnig von dir! Boar, hast du mir einen Schrecken eingejagt! Mach das nicht noch mal, hörst du! Komm, ich helfe dir hoch.“ Komplett überfordert und schweißgebadet, nahm ich seine helfende Hand und raffte mich auf.

Was für ein netter Typ, dachte ich mir. Sowas kannte ich schließlich nur aus meinen Träumen. Aber irgendwie war alles auch gruselig. „Hey, vielen Dank! Ähm, das hier ist eine längere Geschichte. Frag lieber nicht.“ sprach ich mit einem mulmigen Gefühl zu ihm. „Ich bin Larry und du, Kumpel?“ Ich verstummte. Jetzt verriet der mir auch noch seinen Namen und nannte mich Kumpel. Irgendwie kam ich mir vor, als wäre ich in einer anderen Welt oder vielleicht in einem Traum? Oder war ich doch tot? „Ähm, ich heiße Jaremy. Warum hast du mich denn nicht liegen lassen?“ fragte ich ihn vorsichtig. In dem Moment sah ich, wie seine Kinnlade blitzartig nach unten rutschte. „Ey, Junge, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ich lass doch niemanden auf einer Eisenbahnschiene liegen! Pass auf! Wir suchen jetzt gemeinsam meinen Paulo, dann fahren wir zu mir und du erzählst mir in Ruhe bei einem Bierchen, was passiert ist. Klar soweit?“ klopfte er mir auf die Schulter und lief los.

Mir verschlug es die Worte und ganz allmählich bekam ich ein wenig Angst. Das erschien mir einfach nicht real. Zudem kannte ich den Typ überhaupt nicht und hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Unsicher blieb ich stehen und überlegte. Larry sah zu mir zurück,  schlug wild mit seinen Armen um sich und schrie: „Hey, worauf wartest du, Junge? Ich hab nicht ewig Zeit. Mein Hund ist wahrscheinlich schon wieder auf der Suche nach Eichhörnchen. Er steht auf sie. Los, komm schon!“ Plötzlich musste ich ein wenig schmunzeln. Seit wann steht ein Hund auf Eichhörnchen? Ich schüttelte lachend mit dem Kopf. „Warte Larry, ich komme!“ rief ich zurück und rannte ihm nach.

Als wir seinen Border Collie Rüden, kreisförmig immer wieder an einem Baum hoch springen sahen, konnte ich mir das Lachen tatsächlich nicht mehr verkneifen. Es sah schon irgendwie niedlich aus, wie dieser große schwarz-weiß-gefleckte Hund das kleine süße Eichhörnchen anbellte. In diesem Moment wurde mir bewusst, ich konnte mich nicht in einem Traum befinden und ich spürte, dass ich zum ersten Mal nicht allein war. Was für ein unglaublich tolles Gefühl. Gänsehaut überrollte meinen gesamten Körper. Der Kerl sah zu  mir rüber, lachte und sprach irgendetwas Komisches. Aber ich nahm seine Worte nicht wahr, denn ich erlebte gerade etwas ganz Besonderes, tief in mir. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich einen Freund hatte. Das, was die meisten Menschen auf der Welt als total banal empfanden, war für mich eine riesen Bereicherung! Ich lächelte voller Lebensfreude zurück. Nein, meine Wangen explodierten förmlich. Sagen konnte ich jedoch nichts. Dafür war der Moment einfach zu wertvoll.

Larry leinte seinen überschwänglich verliebten Hund an und kam auf mich zu – „Alter, ist das mal ‘nen schräger Vogel, mein Paulo. Jetzt verstehst du vielleicht, was ich meine. Hey, du lachst ja! Auch ein durchgeknallter Hund kann die Stimmung anheben! Siehst du! Und jetzt wird alles besser. Auf geht’s!“ Er legte seinen Arm über meine Schulter und wir schlenderten gemütlich zu seinem Auto.

In seiner etwas schrägen, kleinen Ein-Raum-Wohnung, erzählte ich ihm, was mich bedrückte. Ich sagte ihm alles und bemerkte so langsam, wie wütend er wurde. „Alter! Was erzählst du mir da? Diese kleinen Pisser haben dich immer im Klo eingesperrt und dich getreten und sogar angespuckt? Da bekomm ich ja so ‘nen Hals! Denen gehört eins auf die Fresse. Wenn ich diese Schweine erwische, dann Gnade den Gott.“ Ich schmunzelte, denn auf einmal fühlte ich  mich überhaupt nicht mehr schwach. „Jetzt erzähl mir noch mal die Sache mit dieser Braut von nebenan.“ sprach Larry lächelnd und reichte mir die Bierflasche.

Gerade, als ich beginnen wollte, von Mary Lee zu schwärmen, krachte es gewaltig. Total Erschrocken und völlig unerwartet sprangen wir von der Couch auf. Paulo verkroch sich blitzartig unter dem Bett. Die Wohnungstür flog uns förmlich um die Ohren. „Jetzt bist du fällig, Larry! Deine Minuten sind gezählt!“ sprach ein, mit gebleichten und zerrissenen Jeans sowie rot-schwarz-gefleckten Springerstiefeln, bekleideter Punker zu uns und hielt einen Baseballschläger in seinen Händen. Neben ihm stand noch ein Weiterer. Ich dachte mir, was um Himmels Willen bitte ist hier denn los und fürchtete bitter um mein Leben.

„Pete! Lass uns das in Ruhe klären. Und vor allem, lass meinen Kumpel da raus, hörst du!“ sagte Larry zu dem Punker, doch der zeigte wenig Interesse. Stattdessen lachte er uns aus. Der andere Typ begann ebenfalls zu lachen. „Halts Maul du Weichei! Und was diesen kleinen Hosenscheißer angeht, der ist auch gleich mit fällig. Das macht die ganze Sache doch gleich noch attraktiver! Haha!“ Ein unbeschreiblich großer Frust sammelte sich in mir an. Dieser Dreckskerl nannte mich „kleinen Hosenscheißer“ und das löste etwas Wundervolles in mir aus. Ich war voller Lebensenergie, dank meines Vaters!

Als Kind nahm ich am Boxunterricht teil, weil mein Vater unbedingt darauf bestand. Er war mein ganz großes Vorbild und ich liebte ihn mehr als alles andere auf der Welt. Da meine Eltern wenig Geld hatten, finanzierte mein Großvater den Sport. Diesbezüglich war meine Familie immer sehr stolz auf mich. Doch im Alter von 10 Jahren starb mein Vater bei einem Autounfall, woraufhin ich das Boxtraining vehement ablehnte und mich zunehmend mehr und mehr verschloss. Das veränderte alles.

„Auf geht’s! Du schnappst dir den Hosenscheißer und ich knöpfe mir Larry vor!“ sprach Pete zu seinem Kumpel. Ich erinnerte mich kurz an die letzten Worte meines Vaters: „Mein Junge, glaube fest an dich, dann schaffst du alles!“ Es klingt idiotisch, aber in diesem Augenblick glaubte ich tatsächlich an mich. Während sich der Typ auf mich stürzte, machte ich einen Ausfallschritt, wie ich es im Boxunterricht gelernt hatte, sodass er gegen die Wand rannte. Ich packte ihn von hinten und schlug mit all meiner Kraft in sein Gesicht. „Das ist für meinen Vater du Arschloch!“ sagte ich mit energischer Stimme zu ihm und trat ihn zusätzlich in seine Eier. Mit blutverschmiertem Gesicht, sackte er allmählich zusammen.

Larry lag bereits am Boden und Pete saß auf ihm, während er mit seiner Faust ausholte. „Nein!“ schrie ich total entsetzt und Pete drehte sich zu mir. Mit starkem Herzklopfen rannte ich los. Als ich mich auf ihn stürzte, schlug er mit seinem Baseballschlager zu und erwischte mich am Rippenfell, sodass ich zu Boden fiel. Ich spürte einen gewaltigen Schmerz, der sich blitzartig über meinen gesamten Brustkorb hinweg zog. Pete sah mir tief in die Augen und lachte – „Sag ich doch, einmal Hosenscheißer immer Hosenscheißer!“ Doch dabei war er kurz abgelenkt und Larry ergriff die Chance. Völlig unerwartet riss Larry Pete den Baseballschlager aus der Hand und schlug ihn damit zu Boden. Leise hörte ich, wie Larry verschnaufte und sich kraftlos zurücklehnte.

Einen Tag später…

Larry und ich saßen beim Mondschein am Lagerfeuer und grillten. Paulo lag zur Abwechslung in seinem Körbchen und schlief. „Jaremy mein Freund … Das werde ich dir niemals vergessen! Pete verfolgte mich schon länger. Er war von dem Gedanken besessen, ich hätte mich an seine lustvolle Schwester ran gemacht. Dieser Dreckskerl. Dabei wollte sie immer nur was von mir. Hey, ich danke dir so wahnsinnig für deinen Einsatz. Das war echt mutig von dir! Unglaublich. Ich glaube die lassen sich nicht so schnell wieder blicken. Du hast denen ordentlich eingeheizt. Eins sage ich dir, nichts geht über wahre Freundschaft! Darauf trinken wir einen. Prost!“ Ich lächelte Larry zu und freute mich so sehr, dass ich ihm in die Arme fiel.

Eine Woche später…

Das Ereignis machte schnell die Runde in meiner Schule. So ist es eben, wenn man auf dem Dorf lebt. Die Jungen in meiner Klasse verhielten sich plötzlich mir gegenüber komplett anders. Wenn ich bedenke, vor einer Woche dachte ich noch nicht mal im Traum daran, jemals einen Freund zu haben. Doch wie aus dem Nichts, war nun ganz plötzlich „ich“ der Held der Klasse.

ENDE

© Drama Scripting

3 Kommentare

  1. Eine überraschende Fortsetzung. Damit hätte ich nicht gerechnet. Super. Zum Glück ist alles gut ausgegangen. Leider ist es nicht immer so und echte Freunde zu finden, ist auch nicht ganz einfach. Aber es war wieder eine schöne Geschichte. Freue mich schon auf die Nächste.

  2. Wieder eine gelungene verfasste Geschichte, die man gern weiterlesen möchte.
    Weiter so, ein Buch mit Kurzgeschichten von Dir würde ich kaufen.
    Bin schon sehr gespannt, was als nächstes kommt.

  3. Das ist ja wieder so spannend und ich bin schon neugierig wie es weitergeht. Liegt der arme Kerl wirklich auf der Schiene oder hat er es nur geträumt? Hoffentlich kommt bald die Fortsetzung. Ich freue mich schon drauf.

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